Antike Ethik. Tugend und Glück (Platon, Aristoteles)

Antike Tugend- und Glücksethik 2019-02-25T11:59:43+00:00

Tugenden – Dreh- und Angelpunkte des Lebens

Die historische Geburtsstunde aller Tugendethiken liegt in der antiken griechischen Philosophie, bei Sokrates (gest. 399 v.Chr.) und Platon (428-348 v.Chr.).

Vom Tragödiendichter Aischylos (525-456 v.Chr.) beeinflusst, gingen Sokrates und Platon davon aus, das jeder Mensch von Geburt an ‘ – verfügt: Über einen ‚vernünftigen‘, einen ‚begehrenden‘ und einen ‚muthaften‘ (ereifernden) Seelenanteil. Ein Mensch könne glücklich sein, wenn er jeden dieser drei Bereiche gebührend berücksichtigt, angeleitet nämlich vom obersten Seelenanteil, der Vernunft. Denn sobald ein Mensch die Vernunft zur ‚Tugend‘ (‚ἀρετή‘ [‚aretḗ‘]) der ‚Klugheit‘ bzw. ‚Weisheit‘ umwandle, könnten unter ihrer Leitung auch die beiden anderen Seelenanteile ihre volle Menschlichkeit verwirklichen. Es würde sich dann die begehrende Seele zur Tugend der Besonnenheit und die muthafte Seele zur Tugend der Tapferkeit umwandeln. Diese drei Tugenden in ein rechtes Verhältnis zueinander zu setzen, sei dann Aufgabe einer vierten Tugend, der Gerechtigkeit. Alle vier zusammen werden heute als die (antiken) Kardinaltugenden bezeichnet, abgeleitet vom lateinischen ‚cardo‘, ‚Dreh- bzw. Angelpunkt‘.
Sokrates und Platon sehen die wichtigste Aufgabe des Staates darin, durch Erziehung (‚παιδεία‘ [paidèia‘]) diese vier Tugenden zu verwirklichen, also die seelische ‚Umwendung‘ des Menschen auszulösen: Statt sich (von ‚Schattenbildern‘) ablenken zu lassen, soll er sich dem eigentlich Wirklichen (den ‚Ideen‘) zuwenden.

Aristoteles (384-322 v.Chr.) ging einen Schritt über Platon, seinen Lehrer, hinaus, indem er dessen Tugendlehre zur ‚Mesoteslehre‘ entwickelte. Demnach ist ein Leben dann tugendhaft, wenn es kraft vernünftiger Einsicht und charakterlicher Einübung im privaten, öffentlichen und ökonomischen Leben zwischen je zwei Charakter- und Handlungsextremen stets die richtige ‚Mitte‘ (‚mesotes‘) einhält. In diesem Sinne wird heute auch von den ‚ethischen Tugenden‘ gesprochen (z.B. Tapferkeit, Besonnenheit, Großzügigkeit, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit), in Abgrenzung von den verstandesmäßigen bzw. dianoetischen Tugenden (z.B. Klugheit, Einsichtigkeit, wissenschaftliche Vernunft), welche Aristoteles für die höchsten Tugenden hält.
Die traditionelle christliche Morallehre orientiert sich sehr an der aristotelischen Tugendlehre.

 

Antike Folge- bzw. Zielethiken

Für die (teleologischen) Folge- bzw. Ziel-/Zweckethiken sind Handlungen gut, wenn ihre Folgen (ihre Ziele) gut sind. Aber welche Handlungsfolgen sind (aus welchen Gründen?) gut, welche nicht?

Aristoteles sieht, dass sich jedes ‚Lebewesen‘ (dass sich die ‚Natur‘ / ‚physis‘) aus eigener Kraft bewegt. Pflanzen, Tiere, Menschen – sie alle bewegen und verändern sich durch sich selbst. Lebewesen unterscheiden sich letztlich lediglich darin, was das (letzte und eigentliche) Ziel (griech. ‚Telos‘) dieser ihrer Selbstbewegung ist. So auch beim Menschen, auch ihm sei es zur Aufgabe gestellt, ‚natürlich‘ zu handeln, also dem ihm gemäßen Ziel bzw. Gut zuzustreben. Angesichts der vielen Ziele, die wir Menschen anstreben können, sucht Aristoteles in seiner „Nikomachischen Ethik“ nach diesem einen natürlichen Ziel des Menschen. Dieses Ziel wäre dann das dem Menschen entsprechende Gut, das beste bzw. höchste Gut, das in sich vollkommene und sich selbst genügende Ziel allen menschlichen Handelns.
Als das natürliche bzw. ‚beste Gut‘ (‚ariston‘) menschlichen Lebens nennt Aristoteles das ‚Glück‘ (‚eudaimonia‘). Aber er schränkt sofort ein: „Darüber jedoch, was das Glück ist, besteht Uneinigkeit“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik I 2, 1095a20). Um die Uneinigkeit der vielen Meinungen über das Glück zu überwinden, ordnet sie Aristoteles drei verschiedenen Lebensformen zu (Aristoteles, Nikomachische Ethik I 3):

  1. Genussleben – mit dem Ziel Lust;
  2. Politisches Leben – mit dem Ziel Ehre;
  3. Theoretische Leben – mit dem Ziel Erkenntnis (EN I 3).

Für Aristoteles ist klar: In der Frage nach dem Glück entscheidet sich, ob ein Mensch innerhalb einer Gemeinschaft sozialverträglich leben kann. Der einzelne Mensch könne nur glücklich sein, wenn alle gut leben können. Gut zu leben bedeute, tugendhaft zu leben, sich also bei allen Entscheidungen an der ‚rechten Mitte‘ zu orientieren. Ein solcher Mensch bewegt sein Leben in den Bahnen des Glücks.