Ethik und Ethiken. Geschichtssystematischer Überblick

Ethik und Ethiken. Überblick 2019-02-25T11:58:57+00:00

Die verschiedenen Richtungen der Ethik – die Ethiken – geben unterschiedliche Antworten auf die Frage, (i) wie der Mensch (ii) in welchen Situationen handeln soll. Vor allem aber begründen sie ihre Antworten unterschiedlich.

Nicht immer fällt es uns leicht, entschlossen zu handeln. Besonders dann, wenn ein Konflikt zu eskalieren droht, können sich Menschen wie gelähmt fühlen, Furcht und Angst bestimmen dann unser Verhalten. In Situationen, die uns derartig zaudern lassen, merken wir, auf sie nicht vorbereitet zu sein. Uns ist nicht klar, an welchen Maßstäben wir unser Handeln orientieren wollen. Und schon gar nicht sind uns diese Maßstäbe „in Fleisch und But“ übergegangen, sie sind noch nicht zu unserem ‚Ethos‘ (griech. ‚ἦθος‘ [‚ēthos‘]; gespr. Ähthos] geworden, zu unserem bewusst verinnerlichten ‚Charakter‘, zu unserer ‚Moral‘.

Jedes menschliche Handeln gliedert sich in drei Aspekte: (1) Meine bewusst-willentliche Handlungsabsicht bzw. mein Motiv und die Folgen meines Handelns für mich. Mittelbar, also in einem gewissen zeitlichen und/oder räumlichen Abstand, ist mein Handeln zudem von (2) meinen nicht-willentlichen Denkgewohnheiten und Persönlichkeitsmerkmalen (von meinem ‚Charakter‘) beeinflusst, (3) mitunter auch (und hoffentlich) von meinem Wissen um seine Folgen für andere. Von diesen ‚Folgen für andere‘ hatten wir ja bereits im Zusammenhang mit der ‚goldenen Regel‘ gesprochen.

Die Tugendethik ist davon überzeugt, dass ‚gut‘ eine Eigenschaft ist, die vom Charakter, von der gesamten Persönlichkeit eines Menschen ausgesagt wird. Sie will daher den ‚Ēthos‘ (griech. ‚ἦθος‘, gespr. Ähthos], die grundsätzlichen Denk- und Handlungsgewohnheiten eines Menschen beeinflussen.

Die Folgeethik bzw. teleologische Ethik geht davon aus, dass das erreichbare oder das tatsächlich erreichte Ziel (griech. ‚Telos‘) bzw. dass die Folgen einer Handlung entscheidend sind dafür, ob diese Handlung sittlich gut ist oder nicht: Gut ist eine Handlung, die gute Folgen hat (zumindest aber solche beabsichtigt). Sie wird daher mitunter auch als ‚Zweckethik‘ oder ‚Konsequentialismus‘ bezeichnet. Max Weber (1864-1920) hat sie als ‚Verantwortungsethik‘ von der ‚Gesinnungsethik‘ abgegrenzt. Wichtige Untergruppen sind der ‚Eudämonismus (griech. ‚Eudaimonia‘: ‚Glück‘; ‚gutes, gelingendes Leben‘), der Utilitarismus (lat. ‚utilitas‘: ‚Nutzen‘, ‚Vorteil‘) und die Gefühls- bzw. Mitleidsethik.

Die pflicht-, absichts- bzw. willensorientierten (‚deontologischen‘) Ethiken gehen davon aus, dass ‚gut‘ keine Eigenschaft einer Handlung oder deren Folgen bzw. Ziele, sondern der Absichten und des Willens der Handelnden ist.