Différance-Selbst (J. Derrida)

Différance-Selbst (Derrida) 2019-02-25T12:12:04+00:00

Der – ursprünglich in der französischsprachigen Philosophie beheimatete – Neo-/ Poststrukturalismus agiert als äußerst subtiles, vielleicht auch als fragiles grundlegendes Philosophieren. Mit dem von de Saussure (im Rahmen einer linguistischen Zeichentheorie) und Lévi-Strauss (im Rahmen der Ethnologie) initiierten Strukturalismus greift der Neo-/Poststrukturalismus – namentlich angeführt seien hier Jacques Lacan (1901-1981), Jean Francois Lyotard (1924-1998), Michel Foucault (1926-1984) und Jacques Derrida (1930-2004) – ein Denken der Differenz (von Zeichen) auf und perpetuiert es. Darüber hinaus aber agiert er in (philosophischer) Rezeption der Phänomenologie Husserls und der hermeneutisch-phänomenologischen Ontologie Heideggers. Damit steht er in ontologischer Tradition, in einem Denken des Ganzen, des Unbedingten und der Einheit. Jedenfalls tritt er in Korrektur jener rigiden sprachphilosophischen Grenzziehung auf, die in der idealsprachlichen Richtung der analytischen Sprachphilosophie – vor allem also im logischen Positivismus des Wiener Kreises – geherrscht und philosophische Ansprüche weitestgehend mit dem Sinnlosigkeitsverdikt belegt hatte. Zu erkennen geben sich uns im Titel des Neo-/Poststrukturalismus hochgradig binnendifferenzierte Textkonstruktionen, die einer fundamentalen (ontologischen) Grundlegung entbehren so, wie sie in der traditionellen Seinsphilosophie, wie sie aber auch in der cartesianisch-kantschen Subjektphilosophie, in der hegelschen (absoluten) Geistphilosophie und in der ontologischen Phänomenologie Heideggers entborgen wurde und entborgen wird. Zugleich begegnen uns im Neo-/Poststrukturalismus aber auch Textkonstruktionen und Theoreme, die sich anschicken, eine Grundlegung zu entbergen, die diesen traditionellen (klassisch-ontologischen) Philosophien nochmals vorausgeht. Eine neue, eine eben neo-/poststrukturalistische Grundlegung. Und eine Grundlegung, die von verschiedenen Protagonisten der philosophischen oder theologischen Gotteslehre aufgegriffen wird.

Der Neo-/Poststrukturalismus betreibt eine Destruktion traditionellen und besonders transzendentalphilosophischen Sprechens von einem autonom-vernünftigen, von einem egoitären, von einem ich-zentrierten Subjekt. Derartige Philosopheme hatten im deutschen Idealismus ihre Fortschreibung, gleichwohl auch ihre (ersten) Korrekturen – im Falle absolut-idealistischer Philosophie: ihre Absolutsetzung – erfahren. Es ist dies eine Destruktion, die zugleich, die aber auch nur insofern das Anliegen atheistischer Säkularisierung mit sich führt, als dass sie Voraussetzungen ins Wanken bringt, die (nicht nur, aber auch) in den klassischen Theologumena christlicher Religiosität zentral sind bzw. zentral waren. Jedoch geht ein eigentlicher atheistischer Säkularisierungsdruck weniger vom Neo-/Poststrukturalismus aus als denn von dessen Rezipienten. Denn besonders Foucault und (etwas weniger) Derrida entfalten ihre Wirkung tatsächlich (und vielleicht unbeabsichtigt, in jedem Fall aber unkontrollierbar) weit über den Kreis akademischer Philosophie hinaus. Sie sind vielen Vertretern/innen nahezu aller Wissenschaften zur intellektuellen Inspirations- und Innovationsquelle geworden. Und sie sind in verschiedensten Bereichen des Wissenschafts-, Forschungs- und Weltanschauungsbetriebs zur methodisch-sprachlichen Referenzquelle geworden. Zugleich damit werden sie als Rezeptions-Protagonisten besagten Säkularisierungsdrucks verwendet. Keineswegs aber sind die meisten dieser Adepten neo-/poststrukturalistischen Denkens auf einem ähnlich hohen Sprachniveau angesiedelt, das ihren Quellen selbstverständlich war. Sie berufen sich auf diese Quellen im Anspruch hoher Selbstverständlichkeit und im Legitimationsgestus eigener Geltungsansprüche – obgleich doch viele von ihnen lediglich zu jenen „philosophische[n] Naivitäten“ (J. Derrida, Struktur, 435) gehören, vor denen zu warnen (auch) Derrida einst nicht umhin konnte.

Dessen ungeachtet wollen wir jene ursprüngliche Höhe gegenwärtigen, auf die hin und von der her die neo-/poststrukturalistischen Protagonisten argumentieren. Hierzu – um also die Legitimation heutigen neo-/poststrukturalistischen Säkularisierungsdruck systematisch zu erfassen und zugleich eine Möglichkeit zu hinterlegen, ihn auf seine Legitimität zu überprüfen – blicken wir auf die Geburtsstunden des Neo-/Poststrukturalismus. Wir blicken auf die strukturalistische Sprach-/Zeichentheorie de Saussures und auf die strukturalistische Ethnologie von Lévi-Strauss. Jede von ihnen ist Geburtshelferin und Negativmatrix neo-/poststrukturalistischen Denkens.

Auch im Neo-/Poststrukturalismus wird, wie bei de Saussure, die Sprache als System von Differenzen thematisch. Und in ihm werden, wie bei Lévi-Strauss, auch andere (nicht-sprachliche) Teilbereiche philosophischer Praxis dem strukturalistischen Arbeiten an der Sprache unterzogen. Der Neo-/Poststrukturalismus verabschiedet sich von jeglichem überblickend-handhabenden Zentrum eines Systems von Differenzen: Der Mensch kann die Differenzen nicht mehr autonom, nicht im Akt der Selbstbestimmung notieren oder gar handhaben. Vielmehr handhaben (‚gebären‘) die jeweiligen Differenzen den Menschen. Das sprachliche Zeichen zeigt gegen de Saussure keine zweistellige Beziehung an, es agiert nicht als Beziehung zwischen einer Lautfolge oder einem Schriftbild einerseits und einer Vorstellung oder einem Intelligiblen andererseits. Einst und auch noch bei de Saussure war das Signifikat der bezeichnete (intelligible) Bezugsgegenstand, hingegen der Signifikant das entsprechende Laut- bzw. Schriftbild so, dass das Signifikat in einer (wenn auch nur idealtypisch angenommenen) Absolutheit zu agieren vermochte. Es agierte bei de Saussure als Zentrum des sprachlichen Zeichens und der Sprache insgesamt. Der Neo-/Poststrukturalismus wendet sich von einem solchen Verständnis sprachlicher Zeichen ab. Ihm ist es nicht in das idealtypisch agierende Signifikat gebannt: Das „zentrale, originäre oder transzendentale Signifikat [ist] niemals absolut, außerhalb eines Systems von Differenzen, präsent […]. Die Abwesenheit eines transzendentalen Signifikats erweitert das Feld und das Spiel des Bezeichnens ins Unendliche“ (J. Derrida, Struktur, 424). Oder auch: Es ist „dies […] der Augenblick, da infolge der Abwesenheit eines Zentrums oder eines Ursprungs alles zum Diskurs wird […], das heißt zum System“ (ebd.). Kein (transzendentales) Signifikat also ist übrig, keinerlei Bezugsobjekt sprachlicher Zeichen ist mehr da, kein Bezugsobjekt, das überhaupt erst die Bedeutung (des Zeichens) ermöglichen/handhaben würde und das die Bedingung wäre des Signifikanten (des Zeichens / des Laut- und Schriftbildes). Letztlich ist das sprachliche Zeichen eben dies nicht mehr, es ist kein Zeichen mehr. Es steht nicht mehr für etwas, sondern es steht als es selbst, in gleichsam stoischer Selbstgenügsamkeit, wie wohl auch – in anderer Hinsicht, nämlich im Spiel der Differenzen – in dynamisch-unendlicher Entgrenzung. Es ist an ihm selbst und ausschließlich Differenz. Es ist Differenz zu anderen Nicht-Zeichen – ist es Differenz zu anderen Differenzen.

Schon im ethnologischen Strukturalismus war der (mythologische) Mensch der entmachtete Mensch. Er war kein Mensch, der sich seiner selbst bewusst, der der Welt oder der Zeichen mächtig gewesen wäre. Eine Machtlosigkeit des Menschen, der im Neo-/Poststrukturalismus die (radikalisierte) Entmachtung des Menschen als jenes autonomen Subjekts folgt, zu dem er von der cartesianisch-kantschen Subjektphilosophie erhoben worden war. Dieser entmachtende Neo-/Poststrukturalismus entstand zunächst in Rückwendung bzw. Wiederhinwendung strukturalistischer Methodik und Gehaltlichkeit aus der Ethnologie heraus in jenen Bereich hinein, der der Linguistik und der Sprachphilosophie gegenständlich ist. Auch im Neo-/Poststrukturalismus agiert nur mehr die Differenz als solche in und als Bedeutungsbildung sprachlicher Differenzen. Und dieses Agieren wird in ihm zu einer (gleichsam ontologischen) Bedeutungs- und Seinszuschreibung ausgeweitet, zur Erschaffung des Menschen. Sprache, Text, Rede haben kein Zentrum mehr. Damit hat und ist auch der sprechende Mensch, hat und ist der Textautor kein Zentrum mehr. Er ist dezentriert. Sprache und Mensch sind nicht mehr Produkt/Ergebnis eines autonom agierenden, eines schöpferisch verfügenden Subjekts, einer ordnenden Vernunft: Kein Autor, der sich selbst und die Sprache zu überblicken vermöchte. Kein erhabenes Subjekt, das als zeitloser Ich-Selbst-Bestand enthoben wäre dem Erschaffenem, dem Text, den Differenzen. Keine Subjekte, die Akteure und Herrscher der Sprache wären.

Der Mensch ist herausgefallen aus einem jedem Zentrum von Sprache und sprachlich erschlossener Welt. Er ist von nun an nicht mehr Prinzip. Er ist nur mehr Prinzipiat, er ist ohne zentrale Präsenz: Keine Präsenz in der Sprache, keine Präsenz in der Welt.  Damit erhält der Strukturalismus de Saussures im Neo-/Poststrukturalismus eine entscheidende Transformation: Der Neo-/Poststrukturalismus konstatiert als Konsequenz tatsächlichen, radikal strukturalistischen Denkens die Dezentrierung des Menschen als Menschen: Der Mensch überblickt und handhabt nicht mehr die Sprache (die Differenzen) und er handhabt auch sich selbst nicht mehr. Der Mensch ist dem Bewusstsein, er ist der bewusst-willentlichen Gestaltung und Kontrolle seiner selbst entfallen. Es ist nun umgekehrt. Die Sprache (das System bzw. die Systeme von Differenzen) handhabt, gestaltet, kontrolliert den Menschen.

Der Neo- und Poststrukturalismus – und besonders bei Derrida ist dies kleinschrittig ausgeführt – wendet sich so zunächst ab von der klassischen, von der im Kant’schen Aufklärungs-Kritizismus ausgeführten und grundgelegten Rede von einem zentral-rationalen Vernunft-Subjekt. Kein Subjekt mehr der Vernunft, kein Subjekt mehr des Willens. Kein Mensch mehr, der über eine transzendentale Erkenntnis verfügte, dem als (autonomes) Zentrum seiner Selbstauslegung die (Bedingung der Möglichkeit der) Gegenstandserkenntnis erkennbar wäre. Kein Mensch mehr, dem mit der transzendentalen Erkenntnis zugleich gesichert wäre die Selbstgegenwärtigung autonomer Willensmacht. Keine Wahrheit mehr, kein Wille, keine Freiheit. Was übrig bleibt ist allein noch (bei Derrida) die Sprache als das systematische ‚Spiel von Differenzen’ – übrig bleibt der Text. Übrig bleibt die Welt als Text. Übrig bleibt der Mensch als Text. Übrig bleiben Differenzen.