Gott. Unbewegter Beweger oder unendliches Vermögen?

Gott. Unbewegter Beweger oder unendliches Vermögen? 2019-02-25T11:52:22+00:00

Für die von Thomas von Aquin betriebene philosophische Rekonstruktion des christlichen Gottes- und Schöpfungsglaubens waren die wichtigsten Referenzgrößen die in der Aristotelischen „Physik“ und „Metaphysik“ entwickelte (i) Möglichkeit, von Bewegung zu sprechen, und die ebendort vorgelegte (ii) (naturwissenschaftliche) Theorie der Ortsbewegung. Aristoteles war dem Thomas von Aquin also nicht nur in logisch-dialektischer und wissenschaftstheoretischer, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht maßstäblich. Als wichtigste aristotelische Detailbestimmung übernahm er das (iii) Sprechen von einem unbewegten Bewegenden. Diese drei Referenzgrößen schienen ihm die geeigneten sprachlichen (ad i) und naturphilosophischen Mittel (ad ii, ad iii) bereit zu stellen, um der seinerzeitigen Bildungsschicht die biblisch-kirchliche Rede von Gott und Schöpfung zustimmungsfähig zu machen. Denn diese konnte so der Maßgabe vernünftiger Argumentation entsprechen, konnte also von allen Menschen verstanden und akzeptiert werden trotz tatsächlicher oder auch nur möglicher Zweifel.

Jedoch war dieser Thomanische Ausweis der Vernuftgemäßheit des christlichen (Schöpfungs-)Glaubens weder alternativlos noch unproblematisch. Letzteres sollte vor allem mit Beginn der neuzeitlichen Physik deutlich werden und zu einem systematischen Bruch zwischen religiösem Glauben und naturwissenschaftlicher Vernunft führen. Diese – in ihren Wirkungen noch heute anhaltende – Entwicklung wäre ihrerseits nicht alternaivlos gewesen. Denn schon Johannes Duns Scotus hatte in Rezeption der aristotelischen Schriften einen anderen, einen auch heute noch der breiten christlichen Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Weg vorgeschlagen, den christlichen Schöpfergott vernünftig zustimmungsfähig zu machen (vgl. auch auf dieser Homepage, Universalienstreit. Von Gott reden im Bann der Sprache ).

1. Thomas von Aquin: Gott ist der unbewegte Beweger

In Rezeption besagter antiker Wissenschaftspraktiken kulmunierte die philosophische Gottesrede des Thomas von Aquin in den berühmten Gottesbeweisen der ‚Fünf Wege‘ (‚quinque viae‘) seiner „Summa theologica“. In der entscheidenden Passage gleich zu deren Beginn argumentiert Thomas von Aquin, dass eine jede (aktual) linear-gleichzeitige Bewegungskette ihren Ausgang bei einem unbewegt Bewegenden haben müsse, und eben diesen „verstehen alle als Gott.“ Anders als Aristoteles installiert Thomas von Aquin kein Theorem eines unbewegt Bewegenden, das dem Bereich der Natur als dem Bereich aller Selbstbewegungen angehörte. Dass die (aktual-gleichzeitige) Bewegungskette ihren Ausgang nimmt bei Gott als dem unbewegt Bewegenden, wird von Thomas evident gesetzt unter Nutzung der von Aristoteles übernommenen Rede von der Hand, die den Stock bewegt. Diese hatte bei Aristoteles die Natur als selbstbewegte Natur und damit die Unterscheidung alles lebendigen natürlichen Seienden von nicht-natürlichem Seienden veranschaulicht. Gleich wie jene Hand, die den Stock bewegt, sei Gott, so nun aber Thomas von Aquin, als unbewegt Bewegender Ausgangspunkt aller phänomenalen Bewegungen:

„Wenn also das, wovon es bewegt wird, (seinerseits) bewegt wird, dann muss es auch selbst von einem anderen bewegt werden, und jenes (wiederum) von einem anderen. Hier aber kann es nicht ins Unendliche gehen, weil so nicht etwas erstes Bewegendes wäre, und infolgedessen auch kein anderes Bewegendes, weil die zweiten bewegenden (Ursachen) nur dadurch bewegen, dass sie von einem ersten Bewegenden bewegt sind, wie zB der Stab nur dadurch (etwas) bewegt, dass er von der Hand bewegt ist. Also ist es notwendig zu etwas erstem Bewegenden zu kommen, das von nichts bewegt wird. Und dies verstehen alle als Gott“ (Thomas von Aquin, S.th. I q.2 a.3).

Damit knüpft der erste der insgesamt fünf philosophischen Thomanischen Gottesbeweise an die aristotelische naturwissenschaftliche Bewegungsanalyse an. Er übernimmt die grundsätzliche Lösungsstrategie, die Aristoteles vorgeschlagen hatte, um das Sprechen von einem aktual Unendlichen zu vermeiden. Thomas behielt hierzu (i) den Aristotelischen Begriff der Bewegung des sublunar Seienden bei, (ii) ergänzte ihn um den ebenfalls Aristotelischen Begriff ermöglichender Bewegung (‚bewegter Beweger‘), (iii) übernahm die Aristotelische Prämisse, eine ‚aktuale (quantitative) Unendlichkeit‘ aus dem Repertoire physikalischer Theoreme auszuschließen, womit er (iv) das Sprechen vom unbewegten Beweger installierte, und zwar in Anbringung auch der Aristotelischen Illustration des von Hand und Mensch bewegten Stabs.  Zudem (v) identifizierte er diesen, anders als Aristoteles, schon bei Einzelbewegungen mit dem christlichen Gott. Dieser sei der erste Bewegende aller Bewegung.

Soweit die seinerzeit philosophische, eine den damaligen Wissenschaftskriterien entsprechende und methodisch gerechtfertigte (wahrheitsfähige) Rekonstruktion des christlich-biblisch geglaubten Schöpfergottes. Die Thomanische philosophische Rede von Gott setzt die formale und inhaltliche Separation des göttlichen unbewegten Bewegers vom Bereich aller anderen, aller selbst- oder fremdbewegten Seienden voraus, die Separation damit vom Bereich der sublunaren bewegten Beweger. Der Thomanische Gottesbeweis aus der Bewegung arbeitet nicht als (regressive) Naturgeschichte, sondern als transzendentaler Naturbegriff: Der Begriff der Natur schließt den Begriff aktualer Unendlichkeit aus, Möglichkeitsbedingung der als Natur ergehenden (zeitgleichen) Bewegungsketten (Zweitursachen) ist daher ein trans-natürlicher Beweger, der sich selbst bewegt, Gott (Erstursache). Die aktuale Unendlichkeit der jeweiligen (synchronen) Bewegungs- bzw. Grundgebungskette wurde von Thomas von Aquin gemeinsam mit Aristoteles umgangen, indem er durch die Annahme eines unbewegten Erst- bzw. Letztbewegers jede (natürliche) Ursachenreihe jeder (selbstbewegten) Bewegung begrenzte. Er ließ sie raumzeitlich endlich sein – er ließ sie beginnen bei einem unbewegten Beweger, mit einem unbewegten Grund.

Die Vernunft- bzw. Wissenschaftskonzeption des Thomas von Aquin entsprach der im Hoch- und Spätmittelalter installierten maßstäblichen Option methodisch gesicherten Wissenschafts- und Theologietreibens. Sie wurde über viele Jahrhunderte hinweg zur methodisch-formalen und inhaltlich-sprachlichen Idealnorm universitärer und kirchenamtlicher Theologie ausgebaut. Die Ausführungen des Aristoteles zur Logik, zur Metaphysik, zur praktischen Philosophie, zur Physik und zur (mathematisierten) Astronomie sind theologisch gleichsam konfessionalisiert worden. Eine Entwicklung, die sich letztlich der Fugenlosigkeit verdankte, mit der die aristotelische Konzeption eines unbewegten Bewegenden und einer (philosophischen) Theologie als der Wissenschaft vom höchsten Seienden mit nur leichten, jedoch entscheidenden (thomanischen) Modifikationen passgenau eingefügt werden konnte in traditionsbildendes religiöses und kirchliches Sprechen von Gott und Schöpfung. Dies geschah allerdings zum Preis einer zunächst nicht bemerkten, einer heute aber offenkundig problematischen Abspaltung kirchlich-konfessioneller Rede von der wissenschaftssprachlichen Praxis der Gesamtsozietät. Denn die zunächst (besonders bei Anselm von Canterbury) implementierte grundsätzlich-programmatische Konstruktion von Theologie – nämlich deren ausschließliche Bindung an philosophischen Begriff und diskursive Vernunft – wird in der Wissenschaftslehre des Thomas von Aquin und von den ihr nachfolgenden Traditionen gewöhnlicher Theologie umgangen, letztlich auch untergraben. Thomas von Aquin fixierte zwei einander unzugängliche Sprachwelten, er fixierte eine wissenschaftliche Doppelwelt: Einerseits die kirchlich-konfessionell-theologische Begriffs- und Handlungswelt, andererseits die gesamtsozietär-säkulare Begriffs- und Handlungswelt: Indem er die ‚Theologie als Weisheit‘ axiomatisch der als Metaphysik bzw. aristotelisch-philosophische Vernunft-Theologie agierenden ‚Theologie als Wissenschaft‘ vorordnete, wurde ein Modell von Vernunft und Theologie etabliert, in dem sie von der Philosophie nicht eigentlich berührt und schon gar nicht durchdrungen wird. Eine solche Theologie ist immun gegen Kritik und Rechtfertigungsdruck, gleichwohl sie sich im Rahmen aristotelischer Wissenschaftslehre und Logik aufhält.

Mit seiner differenzierten, zugleich aber fachsprachlich weder eingelösten noch einlösbaren Vermittlung von Glaube und Wissen – von übernatürlich-konfessionell-theologischer Weisheits- und natürlich-säkular-philosophischer Wissenschaftsvernunft – gelang es Thomas von Aquin und gelingt es heutiger Theologie, eine Konfrontationsstellung von Glaube und Wissen zu vermeiden. Beide schwingen tangential beieinander. Der Preis für diese vordergründige Harmonie ist der Wegfall eigentlicher Verbindung. Religiosität/Konfessionalität und Säkularität/Philosophie berühren sich nicht. Beide gewinnen ihre Identität im definitorischen Ausschluss des prinzipiell Gemeinsamen, im Extrinsezismus wechselseitiger Äußerlichkeit. Aufgeklärt-unbedingter Vernunft sind die Tore zur göttlichen Offenbarung verschlossen. Offenbarung wird instruktionstheoretisch reduziert und immunisiert. Sie ist weder rechtfertigungspflichtig noch rechtfertigungsfähig. Gegen die Szenerie solch gezähmten Denkens protestiert die vom Säkularisierungstheorem geleitete philosophische und naturwissenschaftliche Praxis.

Philosophie verteidigt das Recht des Denkens auf Unbedingtheit und (methodisch geklärte) Voraussetzungslosigkeit (i. S. des cartesianischen Grundlegungsanspruchs), sie ist engagiert im Abwehrkampf gegen theologische Wissenschaftlichkeit, dann auch gegen religiöse Glaubenspraxis. Selbige ihrerseits widersetzt sich – einmal in ihrer Welt parallel-inkommensurabler Wissenschaft, Lebensform und Denkweise angelangt – den Weisungen jeder aufgeklärten, zumal und erst recht jeder über sich selbst aufgeklärten und insofern dialektischen Rationalität. So hat der Glaube, so hat die Religion und so hat Gott keinen Platz mehr in der europäischen Wissenschafts- und Bildungsgesellschaft, so sind Glaube, Religion und Gott entsorgt. Sie werden nur mehr verwaltet als Restbestand eines bizarr anmutenden, eines antiquierten und allenfalls noch im Gewand folkloristischer Umtriebe aktualisierungsfähigen Ewig-Gestrigen.

2. Johannes Duns Scotus: Gott ist die aktuale Unendlichkeit

Thomas von Aquin hatte die biblische Rede vom Schöpfergott philosophisch bewahrheitet gewusst im Sprechen von einem unbewegten Beweger. Mit Aristoteles hatte er – im Sprechen von einem Kontinuum und einem Medium – den Atomismus aus naturphilosophischer und theologischer Rede verbannt. Er und die gesamte Naturwissenschaft bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hielten fest an der Rede von einem Medium, das den Dauerkontakt bzw. die Gleichzeitigkeit der aufeinander folgenden (kleinen und kleinsten) Einzelbewegungen innerhalb einer Gesamtbewegung zu garantieren vermochte, zB beim geworfenen Stein das Medium Luft oder im translunaren Bereich der Planetenbewegungen das Medium Äther. All diesen Inhalten aristotelischer Naturwissenschaftlichkeit konnten mittelalterliche Protagonisten glaubensreflektierenden und theologischen Denkens ohne große Schwierigkeiten zustimmen. Sie würdigten die Rede vom unbewegten Bewegenden als rationale Rekonstruktion der Gottesrede christlich-biblischen Glaubens und rückten sie in das Zentrum der wissenschaftlich-methodischen Rechtfertigung des Glaubens, der Theologie. Diese war damals gerade im Entstehen, prototypisch, wie gesehen, bei Thomas von Aquin. Die in der Tradition dann als scholastisch angeführten Theologen übernahmen diese thomanisch-aristotelische Rede von Bewegung im Allgemeinen und von Ortsbewegung im Besondern. Ihnen war damit die Apologie eines Sprechens von Gott ermöglicht, das als rationale Rekonstruktion des christlichen Schöpfungsglaubens auftreten und um Zustimmung werben konnte: Gott ist der unbewegte Erstbeweger, die Ursache des Seins von allem. Gott ist der Schöpfer, er ist die Erstursache.

Scotus hingegen nahm Abstand nicht nur von der thomanischen Wissenschaftslehre, innerhalb der Theologie das Wissen von den allgemeinen Prinzipien zu trennen von den Schlussfolgerungen aus diesen Prinzipien. Scotus widersprach einer derartigen Stockwerke-Theologie. Er nahm Abstand davon, diese der natürlich-menschlichen Vernunft zugänglich, jene aber ausschließlich dem göttlichen Erkennen und Offenbaren vorbehalten sein zu lassen. Zudem distanzierte er sich von der aristotelisch ausgelegten thomanisch-philosophischen Rekonstruktion des Gottesglaubens, nämlich von der Integration aristotelischer Naturwissenschaftlichkeit in die Theologie. Scotus weigerte sich, die aristotelische Rede vom unbewegten Beweger zur Grundgestalt und Maßgabe der philosophisch-theologischen Gotteslehre zu machen. So nahm diese bei ihm eine gänzlich andere Gestalt an als bei Thomas von Aquin. Denn er setzte an die Stelle der – bei Thomas im Anschluss an die aristotelische Bewegungsanalyse als denknotwendig ausgegebenen – Rede vom unbewegten Beweger ein alternatives Bewegungstheorem. Dieses hatte zur Konsequenz, dass er den geglaubten Gott philosophisch rekonstruierte als das dem aktualen Vermögen nach Unendliche bzw. als die aktuale Unendlichkeit des Vermögens. Vorgelegt hat Scotus diese seine philosophische Rekonstruktion der christlichen Glaubensrede vom Schöpfergott in Rezeption jener zwei Aristotelischen Texte, die schon Thomas von Aquin für seine philosophische Gottesrede genutzt hatte, nämlich des Buchs VIII der „Physik“ und des Buchs XII der „Metaphysik“. Die von Scotus generierte spezifische Rede von einer aktualen Unendlichkeit resultierte aus seinem kritischen Eingriff in die Aristotelische Argumentation zu Gunsten der Rede von einem unbewegten Beweger, die diesen als Implikat des aristotelischen Bewegungsbegriffs – „Alles, was sich bewegt, wird wohl von etwas bewegt werden“ (Aristoteles, Physik, VIII 5, 256a2f) – ausweist. Aristoteles hatte die Rede von einer aktualen Unendlichkeit abgelehnt, da diese den Begriff aktualer quantitativer Unendlichkeit impliziere. Dieser sei keiner vernünftigen Zustimmung fähig: Quantitatives kann nie aktual, sondern immer nur potentiell unendlich sein, zB als Zahlenreihe, im Zuge des Messens, Zählens und Zerteilens. Scotus stimmte diesem Einwand zwar zu, nicht aber der darüberhinausgehenden Behauptung, jegliche Rede von einer aktualen Unendlichkeit verwerfen zu müssen. Vielmehr stellte er in seinem Kommentar zu den Sentenzen des Petrus Lombardus, in der „Ordinatio“ bzw. im „Opus Oxoniense“, klar: Aktuale Unendlichkeit supponiert nicht zwingend eine aktuale quantitative Unendlichkeit, sondern kann auch ein aktuales unendliches Vermögen supponieren.

Eine solche Rede von einem dem aktualen Vermögen nach Unendlichen sei nun aber keineswegs falsch oder selbstwidersprüchlich. Daher könne man mittels ihrer die im christlichen Glauben ergehende Rede von Gott philosophisch rekonstruieren. Sie, die naturphilosophisch/naturwissenschaftlich ausgewiesene Rede von einem aktual unendlichen Vermögen als der Möglichkeitsbedingung phänomenaler Bewegung- und Veränderungsprozesse bzw. -reihen, rekonstruiere die christliche Rede von Gott als dem Schöpfer. Schöpfer der Welt sei (und bleibe) Gott nicht als unbewegter Beweger, sondern als aktual unendliches Vermögen. Als dieser sei (und bleibe) er der Grund und Urheber (die Erstursache) der phänomenalen Vielheit und Verschiedenheit, der Grund aller sich der menschlichen Wahrnehmung und (Selbst-) Erfahrung darbietenden Veränderungs-, Wachstums- und Untergangsprozesse. Scotus nutzte diese von den aristotelischen Voraussetzungen abweichende Rede von einer aktualen Unendlichkeit als philosophische Rekonstruktion der biblisch-christlichen Rede von Gott: Aktual unendlich zu sein meint, dem aktualen Vermögen nach unendlich zu sein. Es ist dies ein Sprechen von aktualer Unendlichkeit, das dem Aristoteles (und das auch dem Thomas von Aquin) unbekannt war. Hingegen konnte Scotus den christlichen Gottesglauben philosophisch rekonstruieren als den Glauben an ein aktual unendliches Vermögen. Ihm musste Gott kein Erst- und Letztbeweger sein, der vom Bereich der Seienden –  der von allen natürlich-lebendigen, von allen anderen selbst- oder fremdbewegten, aber auch von allen unbewegten Seienden – separiert wäre. Grundlegend und -gebend war dem Scotus keine unbewegte Erst- und Letztbewegung, sondern die Fülle gegenwärtigen Vermögens, gegenwärtiger Vollkommenheit und Macht, eine Fülle, die alle Wirklichkeit und alle (denk- und wünschbare) Möglichkeit umfasst. Eröffnet war eine Ontologie des Offenen, eine Ontologie der (göttlichen) Allmacht, letztlich eine Ontologie des (absoluten) Willens und der Freiheit. Eröffnet war eine Ontologie und Theologie der einen Wirklichkeit: Eine Theologie der Immanenz.

Scotus hat so in Lektüre der Bewegungsrede der Aristotelischen „Physik“ und „Metaphysik“ eine alternative philosophische Rekonstruktion des christlichen Gottesglaubens vorlegt. Sie macht den christlichen Gott philosophisch zugänglich und das christliche Sprechen von Gott vernünftig zustimmungsfähig. Die von ihm und der Franziskanerschule (zB auch von Wilhelm von Ockham, 1288-1347) praktizierte philosophisch-naturphilosophische Vermittlung christlicher Gottesrede wurde jedoch vom kirchlichen Lehramt nicht hinreichend rezipiert. Kirchlich-theologische Glaubensverkündigung war damals und ist bis heute geprägt von der Aristoteles-Lektüre des Thomas von Aquin, besonders vom Unbewegten-Beweger-Gott, welcher der Welt und dem Menschen ausgelagert (transzendent) ist.

400 Jahre später sollte dann die aristotelische Naturwissenschaft, und hier vor allem das aristotelische Bewegungsmodell, von neuzeitlicher Naturwissenschaftlichkeit zurückgewiesen werden. Zuvorderst geschah dies, indem die neuzeitliche/klassische Physik mit den drei Bewegungsgesetzen Newtons die Bewegung nicht mehr als Eigenschaft eines Seienden, sondern als allgemeine Bewegtheit thematisch setzte: Ausgangspunkt physikalischer Bewegungstheoreme ist kein körperlich Seiendes. Diese Hinfälligkeit der aristotelischen Bewegungsanalyse und deren Rede vom unbewegten Beweger schien auch die christliche Gottesrede hinfällig zu machen. Ja, mehr noch: Indem die an Thomas von Aquin geschulte christliche Gottesrede ihrer rationalen Referenz verlustig gegangen war, schien der christliche Glaube insgesamt nicht mehr vernünftig zustimmungsfähig zu sein. Damit war jene fatale Zweiteilung von theologisch-religiöser Gottesrede einerseits und positiv-wissenschaftlicher oder philosophischer Rede von Mensch und Natur andererseits installiert, die für die abendländische Geistesgeschichte seither so charakteristisch ist.