Das Glück wohnt in den Chefetagen (und Working-Poors woanders)

Das Glück wohnt in den Chefetagen (und Working-Poors woanders)

Keine Frage: Im allmorgendlichen Angang dem neuen Tag offenen Sinnes entgegentreten, ist ein guter Weg, vom Alltag nicht verschluckt, von seinen Mechanismen nicht überlagert und von seinen Routinen nicht betäubt zu werden. Manchmal aber – und vor allem den sensibleren Menschen-Charakteren und den denkenden unter ihnen wird es so gehen – mag die Versuchung groß sein, vielleicht doch lieber die Augen zu schließen, die Nase zu verstopfen, die Ohren abzudecken, die Haut zu abzudichten und den Geschmack zu verlieren. Etwa dann, wenn die erneute Einladung ergeht, beizuwohnen der Selbstbedienungsmentalität und Selbstherrlichkeit so manch einer politisch akzeptierten und gesellschaftlich installierten ökonomischen Verhaltenslogik, der nach das Glück vor allem in den Chefetagen zu wohnen habe. Wobei solches nur selten tatsächlich als Einladung ergeht noch je ergangen ist, sich vielmehr im Gebrauchs- und Gewohnheitston anonymer und zu anonymisierender Teilnahme zu verbreiten pflegt und pflegte: „So macht man das halt!“. Es ist üblich so und vor allem normal: Das Glück wohnt in den Chefetagen.


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„Das Glück wohnt in den Chefetagen“ – so lautete im Jahr 2010 eine Überschrift des ORF  zu den österreichischen „Working-Poor“.  Zu jenen damals zehn Prozent (350.000) der Beschäftigten in Österreich, die durch ihren Arbeitslohn armutsgefährdet sind – deren gesetzeskonform gezahlter Lohn also kein armutsfreies Leben möglich macht. Zu jenen also, die tatsächlich verarmt wären und in Armut leben müssten, würden nicht staatliche Sozialleistungen und/oder finanzielle Zuwendungen von Familienmitgliedern das Schlimmste verhindern. Dieses, das Schlimmste, also die tatsächliche Armut, beginnt heute, im Jahr 2017, laut der (ebenso gesetzeskonformen) Befundung von Politik und Statistik Austria bei einem Ein-Personen-Haushalt unterhalb eines Jahreseinkommens von 13.956,-.

Regional und konkret: Für Tirol heißt das: 85.000 Arbeitnehmer/innen Tirols gehören zu diesen Working-Poor. Und von denen leben 17.800 tatsächlich in Armut, bei ihnen reichen also auch Sozialleistungen etc. nicht aus, der Armut zu entgehen. Oder, anders herum gesagt: Gemeinschaftliche (staatliche) Subventionen zu Gunsten unternehmerischen Handelns ermöglichen es den Tiroler Arbeitgebern/innen, 67.200 Arbeitnehmern/innen verarmt sein zu lassen, ihnen nämlich einen Armutslohn zu zahlen. Aufgeteilt nach Branchen: 21 Prozent dieser staatlich subventionierten Arbeitsplätze und dieser staatlich (Gott sei Dank!) über Wasser gehaltenen Armutslohnerhalter/innen arbeiten im Handel, 20% in Hotel und Gastronomie, 14% im Gesundheits- und Sozialwesen, 9% in der öffentlichen Verwaltung (!).

Grundsätzlich: Wer also verweigert sich der offenen Sinne, wer hat die Augen geschlossen, die Nase verstopft, die Ohren abgedeckt, die Haut abgedichtet, den Geschmack verloren? Nicht diese, nicht die Working-Poor. Die sehen, riechen, hören, spüren und schmecken ihre drohende oder tatsächliche Armut. Tag für Tag. Wohl aber jene, die dieses alles normal finden und keinen Grund sehen, etwas zu ändern. Oder die sich wundern, dass es in den von ihnen genutzten und/oder verantworteten Wirtschaftszweigen an Arbeitskräften mangelt und am Nachwuchs, an Menschen, die in diesen Bereichen arbeiten wollen (und es sich leisten können). Etwa in der Hotellerie und Gastronomie, im Tourismus. Zum Faktum des dortigen Arbeitskräftemangels braucht nichts mehr gesagt zu werden, hier ist genug und alles gesagt. Wohl aber dazu ist etwas zu sagen, diesen Mangel nicht verstehen zu wollen (oder zu können), seine Gründe nicht anerkennen zu wollen (oder zu können), für keine geeigneten Maßnahmen Sorge tragen zu wollen (oder zu können). Etwa in den zuständigen Gremien und Abteilungen der Wirtschaftskammern.  Für die ja auch der Rückgang der Schüler/innen-Zahlen der einschlägigen berufsbildenden Schulen rätselhaft zu sein scheint. Und dies angesichts besagter Armutsgefahren („Working-Poor“) und angesichts von Arbeitszeiten, die oftmals nur schwerlich vereinbar sind mit einem gedeihlichen Privat- und Familienleben. Fürwahr: Der offenen Sinne verweigert – die Augen geschlossen, die Nase verstopft, die Ohren abgedeckt, die Haut abgedichtet, den Geschmack verloren. Der Sinne befreit. Oder auch: Sinnbefreit und daher sinnlos ist das Glück, das in den Chefetagen wohnt.

Von | 2017-08-07T11:23:37+00:00 4. August 2017|Kategorien: Allgemein, Politik|0 Kommentare

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