Kardinal Schönborn. Opfer. Nur Opfer?

Kardinal Schönborn. Opfer. Nur Opfer?

Die Geschichte des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche ist lang. Und sie ist bestürzend. Jene, die in der Nachfolge Jesu und in der Verkündigung der Heiligung des Menschen (‚Gott ist Mensch‘) zu stehen hätten, ziehen ihn in Dreck, sind außer sich und außer Kontrolle geraten, haben Körper befleckt, Seelen zerstört. Jahrelang. Jahrzehntelang. Und die Täter haben nichts gespürt – nicht gespürt, was ihre Opfer spürten, nicht empfunden, was ihre Opfer empfanden. Sie haben nicht gespürt, dass ihre Opfer spürten, nicht empfunden, dass ihre Opfer empfanden. Sie haben nicht gespürt, nicht empfunden. Gespaltenes Leben. Leben, das anderes Leben spaltet. Seele, die andere Seelen spaltet. Körper, der andere Körper spaltet.

Kardinal Schönborn war Opfer. So berichtet er. In einem TV-Interview, zu sehen in Deutschland, letzten Montag auch in Österreich. Und er hat als Opfer nicht wahrnehmen können das Tun des nachmaligen Täters. Kardinal Groer. Gespaltene Seele, gespaltene Wahrnehmung: Das Opfer weiß nichts von den Taten, nichts von den Tätern. Das Opfer verteidigt den Täter. Das Opfer muss den Täter verteidigen. Kardinal Schönborn damals seinen Vorgänger. So geschehen in Österreich, damals, lautstark, unwidersprochen zumeist. Weil die Erinnerung so schmerzlich ist, dass das Unrecht lieber wiederholt als benannt oder gar betrauert wird. Unbetrauertes Leiden wiederholt das Leiden. Unbetrauertes Leiden, wiederholtes Leiden. Leiden, das wiederkehrt: Das Opfer schützt den Täter, wird zum Täter. Zum Mittäter.

Macht und Ohnmacht seien es, so der Kardinal, die den Täter zum Täter, das Opfer zum Opfer machen. In der Kirche (damals mehr als heute): Die Macht des Geweihten gegenüber der Ohnmacht des Nicht-Geweihten. Die Macht des Priesters gegenüber der Ohnmacht des Nicht-Priesters. An den Kardinal daher die Frage: Woher kommt sie, diese Macht? Woher kommt sie, diese Ohnmacht?

Kirche, Christenheit: Gespalten in Geweihte und Nicht-Geweihte, in Priester und Nicht-Priester. Und in Männer und Frauen. Und in Himmel und Erde, in Jenseits und Diesseits. Gespaltenes Leben. Leben, das anderes Leben spaltet. Seele, die andere Seelen spaltet. Körper, der andere Körper spaltet: Jede Religion, jede Theologie, die ein Jenseits von einem Diesseits, ein Danach von einem Jetzt, ein Woanders von einem Hier, ein Oben von einem Unten (und Frauen von Männern) spaltet, zwingt ihre Gläubigen zu einem gespaltenen Glauben, zu einer gespaltenen Seele, zu einem gespalteten Körper.

Die Gläubigen einer solchen Religion, erst recht aber ihre Priester, Bischöfe und Kardinäle: Ihr Glaube ist gespalten, ihre Seele ist gespalten, ihr Körper ist gespalten. Menschen, die nicht spüren werden, was ihre Mitmenschen spüren, und die nicht empfinden werden, was ihre Mitmenschen empfinden. Menschen, die nicht spüren werden, dass Mitmenschen spüren, und die nicht empfinden werden, dass ihre Mitmenschen empfinden. Menschen, die nicht spüren, nicht empfinden. Gespaltenes Leben. Leben, das anderes Leben spaltet. Seele, die andere Seelen spaltet. Körper, der andere Körper spaltet. Religion, die Täter erzeugt und Opfer. Priester, Bischöfe, Kardinäle und Theologen, die Täter erzeugen und Opfer.

Kirche, Christentum: Der Mensch ist geheiligt. Das Leben ist geheiligt. Das Diesseits ist geheiligt (was für ein Unsinn, diese Rede von einem Jenseits, diese „Lust, im Trüben, im Drüben zu fischen“; E. Bloch). Frau und Mann sind geheiligt (sie sind Menschen). Das Jetzt ist geheiligt. Das Hier ist geheiligt. Jede Religion, jede Theologie, die kein Jenseits von einem Diesseits, kein Danach von einem Jetzt, kein Woanders von einem Hier, kein Oben von einem Unten (und Frauen nicht von Männern) spaltet, lädt ein zu einem Glauben, zu einer Seele, zu einem Körper.

Die Gläubigen einer solchen Religion, erst recht aber ihre Priester, Bischöfe und Kardinäle: Ihr Glaube ist einer, ihre Seele ist eine, ihr Körper ist einer. Menschen, die spüren, was ihre Mitmenschen spüren, und die empfinden, was ihre Mitmenschen empfinden. ´Menschen, die spüren, dass ihre Mitmenschen spüren, und die empfinden, dass ihre Mitmenschen empfinden. Menschen, die spüren, die empfinden. Ein Leben. Eine Seele. Ein Körper. Religion, die keine Täter erzeugt und keine Opfer. Priester, Bischöfe, Kardinäle und Theologen, die keine Täter erzeugen und keine Opfer.

Christlicher Glaube: Keine Lehre, sondern eine Form, aus Vertrauen zu leben und miteinander zu sein.

Von | 2019-02-20T17:31:49+00:00 14. Februar 2019|Kategorien: Kirche, Schule und Bildung, Theologie|0 Kommentare

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