Lebendig Leben: Komm, Schwester Tod!

Lebendig Leben: Komm, Schwester Tod!

410 Tote. Auf Österreichs Straßen 2019.

3059 Tote. Auf Deutschlands Straßen 2019.

8000 Tote. In Österreich aufgrund Alkoholkonsums pro Jahr.

74.000 Tote. In Deutschland aufgrund Alkoholkonsums pro Jahr.

14.000 Tote. In Österreich aufgrund Nikotinkonsums pro Jahr.

120.000 Tote. In Deutschland aufgrund Nikotinkonsum pro Jahr.

9.000.000 Tote. Weltweit aufgrund Hungers pro Jahr.

 

Straßenverkehr: Schnell und schneller, ständig und überall überallhin.
Politik und Wirtschaft, die machen. Aber nichts machen.

Alkoholkonsum: Befeuert und befeiert, ständig und überall übermessen.
Politik und Wirtschaft, die machen. Aber nichts machen.

Nikotinkonsum. Beraucht und berauscht, ständig und überall übernebelt.
Politik und Wirtschaft, die machen. Aber nichts machen.

Hunger: Befüttert und besattet, ständig und überall überfressen.
Politik und Wirtschaft, die machen. Aber nichts machen.

 

Nicht gelebtes Leben

Menschen, die verkrampft am Leben hängen. Am langen Leben hängen.

Wenn es nicht gelebt worden ist, dieses Leben.

Wenn es nicht gelebt ist, dieses Leben.

Wenn es nicht gelebt werden wird, dieses Leben.

Am meisten dem Tod fliehen: Wenn er kommt als Bilanz eines ungelebt-entlebten Lebens.

 

Hugo von Hoffmannsthal: Der Tor und der Tod (1893)

Was weiß denn ich vom Menschenleben?
Bin freilich scheinbar drin gestanden,
Aber ich hab es höchstens verstanden,
Konnte mich nie darin verweben.
Hab mich niemals daran verloren.
Wo andre nehmen, andre geben,
Blieb ich beiseit, im Inneren stummgeboren.
Ich hab von allen lieben Lippen
Den wahren Trank des Lebens nie gesogen,
Bin nie, von wahrem Schmerz durchschüttert,
Die Straße einsam, schluchzend, nie! Gezogen.
Wenn ich von guten Gaben der Natur
Je eine Regung, einen Hauch erfuhr,
So nannte ihn mein überwacher Sinn,
unfähig des Vergessens, grell beim Namen.
Und wie dann tausende Vergleiche kamen,
War das Vertrauen, war das Glück dahin.
Und auch das Leid! Zerfasert und zerfressen
Vom Denken, abgeblasst und ausgelaugt
Wie wollte ich an meine Brust es pressen,
Wie hätt ich Wonne aus dem Schmerz gesaugt.
Sein Flügel streifte mich, ich wurde matt,
Und Unbehagen kam an Schmerzes Statt …
[…]

Ich hab mich so an Künstliches verloren,
Daß ich die Sonne sah aus toten Augen,
Und nicht mehr hörte, als durch tote Ohren:
Stets schleppte ich den rätselhaften Fluch,
Nie ganz bewusst, nie völlig unbewusst,
Mit kleinem Leid und schaler Lust
Mein Leben zu erleben wie ein Buch,
Das man zur Hälft noch nicht und halb nicht mehr begreift,
Und hinter dem der Sinn erst nach Lebendgem schweift;
Und was mich quälte und was mich erfreute,
Mir war, als ob es nie sich selbst bedeute,
Nein, künftgen Lebens vorgeliehnen Schein
Und hohles Bild von einem vollem Sein.
So hab ich mich in Leid und jeder Liebe
Verwirrt mit Schatten nur herumgeschlagen,
Verbraucht, doch nicht genossen alle Triebe,
In dumpfem Traum, es würde endlich tagen.
[…]

Wie abgerissne Wiesenblumen
Ein dunkles Wasser mit sich reißt,
So glitten mir die jungen Tage,
Und ich hab nie gewusst daß das schon Leben heißt. […]
Von Dämmerung verwirrt und wie verschüttet,
Verdrießlich und im Innersten zerrüttet,
Mit halbem Herzen, unterbundnen Sinnen
In jedem Ganzen rätselhaft gehemmt,
Fühlt ich mich niemals recht durchglutet innen,
Von großen Wellen nie so recht geschwemmt,
Bin nie auf meinem Weg dem Gott begegnet,
Mit dem man ringt, bis daß er einen segnet.

 

Angst vor dem Leben

Die Angst vor dem Tod: Angst des nicht gelebten Lebens.

Die Angst vor dem Tod: Angst des Kampfes gegen das Leben.

Die Angst vor dem Tod: Angst des Kampfes gegen das Leben und die Lebendigen.

Die Angst vor dem Tod:
Angst, die wir nicht spürten, war überall.
Nur nicht zu unseren Lasten.
Zulasten war sie denen, die fern waren.
„Denn wir sind friedlich.“
Und die anderen böse.

Die Angst vor dem Tod:
Angst, die wir nicht spürten, gaben wir anderen zu spüren.
„Das Leben gehört uns.“
Und der Tod ihnen.

Und so führten wir die Kriege:
Gegen die, die nichts haben, dass sie nichts bekommen wollen.
Gegen die, die hungern, dass sie nicht satt werden wollen.
Gegen die, die fliehen vor unseren Waffen, dass sie nicht gerettet werden wollen.

Eine Kultur, die den Tod ausklammert aus sich, ist nicht Kultur, sondern Barbarei.
Eine Gesellschaft, die den Tod ausklammert aus sich, lebt nicht, sondern tötet.
Ein Mensch, der den Tod ausklammert aus sich, lebt nicht, sondern mordet:
Der unmenschliche Mensch.

Das, was wir abwehren, ist nicht weg.
Sondern kehrt wieder, bleibt da, immer da.
Nahezu unkenntlich, aber brutal:
Gegen andere. Und immer auch gegen uns.

 

Friedrich Nietzsche: Der letzte Mensch (1883)

‚Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?’ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.

Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

‚Wir haben das Glück erfunden’ – sagen die letzten Menschen und blinzeln.

Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme. […]

Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. […]

Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus. […]

Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.

‚Wir haben das Glück erfunden’ – sagen die letzten Menschen und blinzeln.

 

Unser Hamsterleben

Den Tod bis zur Unkenntlichkeit vergessen.
Den Tod, der uns alle trifft,
Früher oder später: Denn das gehört zum Leben.

Wer den Tod abwehrt, wehrt das Leben ab.
Armes Leben. Verarmtes Leben.
Oder auch: Die Droge Überleben.

Quantität ist noch nie in Qualität umschlagen. Und wird es nie.
Zweimal so viel ist nicht anders.
Der permanente Kategorienfehler.

Das Viel-Gehamsterte bleibt, was es ist:
Das Viel-und-Noch-Mehr-Gehamsterte.
Des Hamsters Tagesprogramm und Bürgerpflicht: Sieg-Heil und Ist-Meins.

Ihr lacht über Hamsterkäufe in der gefühlten Not?
Sie fühlen wenigstens noch.
Wenn auch nur ein bisschen und ein bisschen verstellt.
Um die Ecke gefühlt. Fast um die Ecke gebracht.

Und wie fühlt sich eure Raffgier an?
Eben. Gar nicht.
Erkaltete Selbstverständlichkeit.
Zum Tod erkaltete Selbstverständlichkeit.

Zum Tod erkalteter Tod.
Tod.

 

Lebendiges Leben

Komm, Schwester Tod! Sei mir und sei mir Gewissheit.

Komm, Schwester Leben! Dank sei dir und jeden Tag.

Der kleine Tod. Das kleine Sterben: Leben!

Der große Tod. Das große Sterben: Leben!

 

Hugo von Hofmannsthal: Der Tor und der Tod (1893), in: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, hrsg. V. H. Steiner. Gedichte und lyrische Dramen, Frankfurt 1970, 201f.
Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra (1883-1885), in: Ders., Kritische Studienausgabe (KSA) in 15 Bänden, herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari (1980), München (dtv) 21980, Band 4, S. 19f.

 

Von | 2020-03-29T10:58:43+00:00 29. März 2020|Kategorien: Allgemein, Ethik, Kultur, Politik|0 Kommentare

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