Weihnachten, oder: Gott ist Mensch

Weihnachten, oder: Gott ist Mensch

Christliche Weihnacht: Auf der einen Seite der Gang in die Kirchen, zu den Gottesdiensten, zum ‚Geheimnis von Bethlehem‘. Auf der anderen Seite die Feier in den Familien, im Freundeskreis, mitunter beinahe peinlich bemüht, nicht mit Religion – und schon gar nicht mit der Kirche – in Verbindung gebracht werden zu können, mit beiden also nicht verbunden sein zu dürfen. Oft daher steht den Stiftungsurkunden dieser Familien- und Freundesfeierlichkeiten eingeschrieben: Weihnachten ist das Fest der Familie, nicht des Glaubens, nicht der Religion, nicht der Kirchen.

Weihnachten: Das Fest der Christen. Das christliche Fest. Nicht das Weihnachten vor 2000 Jahren, nicht die Geburt in Bethlehem (die es so, wie es zumeist angenommen und erzählt wird, wohl gar nicht gegeben hat), nicht die Herbergssuche (die es so, wie es zumeist angenommen und erzählt wird, wohl gar nicht gegeben hat), nicht die Jungfrau Maria (die es so, wie es zumeist angenommen und erzählt wird, wohl gar nicht gegeben hat). Sondern das Weihnachten heute: Das Fest der Christen. Das christliche Fest.

Weihnachten: Gott wird Mensch. Oder auch: Der Mensch Jesus ist Gott. Er ist nicht nur ‚ein bisschen‘ Gott, er ist nicht nur ‚Gott ähnlich‘, er ist nicht nur ‚von Gott angenommen‘, er ist nicht nur ‚ein vorbildlicher Mensch‘. Sondern Jesus ist ganz Gott. Oder auch: Gott ist vollständig Jesus. Gott ist vollständig Mensch, bleibt aber Gott.

Dieses ist das Grundgeschehen des Christentums, seine Stiftungsurkunde. Dieses ist das (auch historische) Zentrum des Christentums, und zwar mehr als all das, was historisch zutreffend sein mag (oder eben nicht) an der Geburt in Bethlehem, an der Herbergssuche, an der Jungfrau Maria: Das in den Weihnachtserzählungen gebündelte Wissen schon der frühsten Christen, dass der Mensch auf einen „Gott-ist-Mensch“ wird blicken können müssen, um nicht unmenschlich zu werden. Denn nur dann, wenn jedem einzelnen Menschen der ganze Gott ganz Mensch ist, würden die Menschen davon befreit sein können, sich – vor sich selbst und vor anderen – verstecken zu müssen. Denn nur dann, wenn jedem einzelnen Menschen der ganze Gott ganz Mensch ist, würden die Menschen sich ihrer selbst nicht mehr schämen, würden sie mit sich selbst nicht mehr ins Gericht gehen oder andere selbigem ausliefern müssen. Denn nur dann, wenn jedem einzelnen Menschen der ganze Gott ganz Mensch ist, würden die Menschen sich nicht mehr schämen müssen, nur Mensch zu sein.

In der Sprache der Bibel: Nur wenn jedem einzelnen Menschen der ganze Gott ganz Mensch ist, würden sich die Menschen nicht mehr verstecken müssen, vor Gott nackt zu sein (so die Paradieserzählung im Alten Testament) oder vor Gott arm zu sein (so die Bergpredigt im Neuen Testament). Vielmehr: Sie würden (vor Gott und überhaupt) nackt und arm sein können, nackt und arm sein wollen.

Denn Weihnachten: Der Mensch, so wie er ist, ist Gottes würdig, ist des Lebens würdig, ist der Liebe würdig. Alles andere – sich also den Gott und das Leben erst noch verdienen, sie erst noch erwerben zu müssen – würde den Menschen erschöpft in die Knie zwingen lassen. Oder würde ihn zwingen, stets und immer seine Augen vor sich selbst zu verschließen, sie zugleich aber anklagend auf andere zu richten. In der Sprache der Bibel: Alles andere würde den Menschen den Splitter im Auge des anderen sehen, den Balken im eigenen Augen aber niemals sehen lassen.

Denn Weihnachten: Das Leben kann niemals Verdienst des Menschen sein. Das Leben ist nichts, was sich erwerben ließe. Vor Gott bist du. Du brauchst nicht erst zu werden. Der ganze Gott ist ganzer Mensch, kein halber Mensch, kein halber Gott. Nichts daher ist an dir, was vor Gott keinen Bestand hätte, keine Gültigkeit, keine Würde hätte. Dieses ist das Wissen jener, denen wir die vertrauten Texte der Bibel verdanken, die Texte von der Geburt in Bethlehem, von der Herbergssuche, von der Jungfrau Maria. Sie wissen, dass das Leben und die Würde des Menschen unverdientes, daher auch unverlierbares Geschenk sein müssen, um als Mensch menschlich sein zu können. Hierauf zu vertrauen, befreit den Menschen davon, verzweifelt mehr als ein Mensch sein zu müssen, nämlich sein zu müssen wie ein Gott, perfekt und fehlerlos, gut und in jedem Fall ohne Schuld.

Denn Weihnachten: Niemals darf ein Menschliches sein, das der Mensch vor sich verbergen, das er geheim halten, dessen er sich – vor sich und den anderen – schämen müsste. Niemals darf ein Menschliches sein, dem die Hölle zugewiesen wäre, und niemals wird ein Menschliches die Türen der Hölle von innen her verriegeln müssen durch die Angst, des Guten (des Lebens) nicht würdig, der Vergebung nicht wert zu sein.

Weihnachten: Das Fest der Christen. Das christliche Fest. Nicht das Weihnachten vor 2000 Jahren, sondern das Weihnachten heute: Das Vertrauen, Gottes – des Lebens – würdig, der Liebe nie gestorben zu sein.

Christliche Weihnacht: Ein Gottesfest. Ein Menschenfest.

Papst Franziskus: „Betlehem ist das Mittel gegen die Angst, denn trotz der ‚Neins‘ des Menschen sagt Gott dort für immer ‚Ja‘: Für immer wird er der Gott-mit-uns sein. Und damit seine Gegenwart keine Furcht erweckt, kommt er als zartes Kind. […] Der Mensch [aber] ist gierig und unersättlich geworden. Das Haben, das Anhäufen von Dingen scheint für viele der Sinn des Lebens zu sein. Eine unersättliche Gier durchzieht die Menschheitsgeschichte, bis hin zu den Paradoxien von heute, dass einige wenige üppig schlemmen und so viele kein Brot zum Leben haben. […] Der kleine Leib des Kindes von Betlehem eröffnet ein neues Lebensmodell: nicht verschlingen und hamstern, sondern teilen und geben. […] Dem Menschen, der von Anfang an daran gewöhnt war, zu nehmen und zu essen, sagt Jesus von nun an: ‚Nehmt und esst; das ist mein Leib‘.“

Von | 2018-12-26T14:38:48+00:00 26. Dezember 2018|Kategorien: Kirche, Kultur, Theologie|0 Kommentare

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